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Leseprobe aus Plaschke

In der Kirche geschahen unterdessen beängstigende Dinge. Paul, der pubertierende Messdiener, leerte gerade einen Kelch des köstlichen Messweines, den der Pfarrer vor seinen Predigten ausgiebig zu verkosten pflegte. Dabei schmeckte das Gesöff nach Pauls Meinung immer gleich. Es handelte sich um eine Frühlese des berühmten geschmacksneutralen „Plapperbacher Langweiler“, dessen alkoholischer Geist in Konversation mit dem Gehirn des Geistlichen trat, sich dort als Ideenschmiede betätigte und die Zunge löste, so dass der so inspirierte Spirituelle munter darauf los und frei von der schwer arbeitenden Leber weg predigen konnte.

„Paul, wo steckst du?“, ertönte von irgendwoher die Stimme des Pastors, und der Gerufene griff nach der brennenden Kerze und machte sich flugs auf den Weg. Vor dem Beichtstuhl wartete der Pastor mit einer bildschönen, jungen Frau. „Während ich die Beichte abnehme, bringst du die Kerze zum Altar, entzündest die anderen, dann siehst du nach, was die Handwerker machen.“ Der Pastor begab sich in den Beichtstuhl, und auch die junge Schönheit, deren Anblick Paul den Schweiß auf die Stirn trieb, verschwand hinter der Holztür auf ihrer Seite. „Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt“, vernahm Paul das Flüstern der Frau. Jetzt wurde es spannend! Der Lauscher mit der Kerze in der Hand neigte sein Ohr näher zur Tür des Beichtstuhls. Dabei ließ er die Kerze außer Acht. Dem Armen sollte es nicht vergönnt sein, nähere Einzelheiten über die Sünden der Schönen zu erfahren, hatte er doch soeben den Beichtstuhl in Brand gesetzt, weswegen sowohl der Pastor als auch die schöne Sünderin hinauspolterten und den erschrockenen Messdiener über den Haufen rannten. -weiter auf Seite 2-

Leseprobe aus einem Schubladen-Manuskript

Nebelumschlungen und zugedeckt mit Stille ruht die Natur. Es ist die blaue Stunde, jene Zeit zwischen Tag und Nacht, die die Menschen entweder Schwung für den neuen Tag oder endlich Atem holen lässt; die Hausputz hält in den Hirnen der Schlafenden und die Schlaflosen sanft an das Hier und Jetzt zu erinnern vermag. Nadine genießt zu dieser frühen Stunde den Ausblick von der Terasse ihres Hauses, der ihr ein atemberaubendes Panorama aus Wald, Hügeln und Feldern beschert. Sie blickt hinunter ins Tal und ist immer wieder froh, dass die kleine Hütte nicht gar zu hoch liegt, dennoch von unten schwer zu entdecken, aber durch eine breite Waldschneise leicht zu erreichen ist. Selbst mit ihrem Kleinwagen, einem alten Japaner, kann sie die Kurven und das unbefestigte Gelände gut bezwingen.

Als sie sich vergewissern will, ob ihr vierrädriger Liebling noch auf der anderen Seite des Hauses steht, trifft sie der Schlag. Sie kann nicht fassen, was sie da sehen muss, als sie durch das Küchenfenster blickt: Beifahrertür und Kofferklappe stehen sperrangelweit offen, so als müsse das Gefährt mal richtig durchgelüftet werden. Täuscht sie sich, oder ist da eine der Scheiben eingeschlagen? Ihr Handy klingelt. Es ist ein merkwürdiger Klingelton, das wird ihr jetzt mehr denn je bewusst. Jakob, ihr Mann hatte ihn ihr heruntergeladen und eingestellt. Sie erschrickt, als der Schrei des Dschungelhelden Tarzan erklingt und das Telefon auf dem Nachttisch vibriert.

Nervlich am Ende setzt sie sich aufs Bett, muss den Tränen freien Lauf lassen und kann jetzt nicht ans Telefon gehen. Schmerz breitet sich in ihr aus, und er wird noch lange anhalten. Denn ihr Mann Jakob ist tot.

Das Klingeln will nicht aufhören, fordernd johlt der Lianengreifer wieder und wieder. Das Auto! Nadine rennt aus dem Zimmer, wirft sich einen Mantel über und nähert sich vorsichtig dem Fahrzeug. Die Dämmerung hat ihr einen Streich gespielt – es ist nur die Kofferklappe offen. Statt der vermeintlich offenen Beifahrertür stellt sie fest, dass sie sehr dicht neben dem alten Briefkasten parkt. Das Heck des Autos hat Nadine verschlossen, da ist sie sich sicher.

Mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Vorsicht lässt sie den Blick streifen. Noch gibt die Dämmerung nicht viel frei von der Natur um sie herum. Aus dem nahen Wald dringt ein Knacken an ihr Ohr, dann folgen langsame Schritte. Versucht da jemand zu schleichen? Dann ist er aber schlecht darin.

Nadine geht langsam rückwärts zum Haus, voll auf diese Richtung konzentriert. Jeden Moment wird dort am Waldrand eine Gestalt auftauchen, Mensch oder Tier. Dass ihr von hinten Gefahr droht, ahnt sie nicht. Sie spürt noch die kräftige Hand auf ihrem Mund, und ein beißender Geruch steigt ihr in die Nase. Dann kehrt die Dämmerung in voller Pracht zurück. Die junge Frau knickt weg wie eine Blume, die eben gepflückt wird.