Prioritäten setzen

In absehbarer Zeit steht nun eine berufliche Veränderung an, gefühlt die fünfzigste in meinem Arbeitsleben. Aber diese ist durchaus positiv, denn sie beschert mir freie Wochenenden und schürt somit meine Hoffnung auf ein organisierteres Zeitmanagement, meine Freizeit betreffend. Da sind immer erstmal familiäre Verpflichtungen, dann kommt mein Lieblingshobby Schreiben. Freunde treffen ist heutzutage fast schon illegal, aber auch das muss sein. Zumal wir für eine Clique viel zu klein sind. Also, zahlenmäßig. Wir sind, wenn wir vollzählig sind, zu dritt, also knapp vorbei an einer Zusammenrottung, liebe Verbotsbeachter. Und dann ist da noch meine Gesundheit … keine Angst, ich rede von altersbedingten Zipperlein, die mit Corona nix zu tun haben. Also nutze ich die Zeit, da es mir nicht so gut geht, nicht nur zum Schreiben, auch zum Lesen, Chillen. Man muss eben Prioritäten setzen. Auch zum Rausgehen, wobei ich zu Fuß jeden Tag weit über 15km von meiner Wohnung entfernt durch fremde Welten streife, auf der Suche nach Abenteuer und lustigen Maskenträgern, die mich prompt nach Hause schicken wollen und damit drohen, mich anzuhusten, wenn ich ihre Zurechtweisung auf die leichte Schulter nehme. Ich habe nur leichte Schultern, sage ich, was sie mir angesichts meiner gekrümmten Wirbelsäule nicht glauben, auch nicht, dass der Buckel vom Arbeiten kommt. Sie hätten andere Hobbys, entgegnen sie lachend und zeigen mir einen Vogel. Woher sollen sie auch wissen, dass mein krummer Rücken vom Schleppen meiner vielen Goldbarren kommt, die nun sicher verstaut in meinem Keller liegen? Man muss eben Prioritäten setzen.

Vor dem ersten Absatz: Ideen besser für sich behalten?

Warum ich das nicht kann. Einerseits verlangt es mich immer danach, Ideen für Geschichten und Bücher zu teilen, bewerten zu lassen und dafür ehrliches Feedback zu bekommen, zum Beispiel zu der Frage, ob sie für ein lohnenswertes Projekt taugen; andererseits weiß ich, dass es besser ist, sie bis kurz vor Erscheinen des Ergebnisses für sich zu behalten. Halte ich einen Einfall für gut, möchte ich ihn gern anderen Weggefährten und potenziellen Lesern mitteilen, um sie auch während des beginnenden Schreibprozesses an der Entstehung des Textes teilhaben zu lassen. Leider hat das bisher nur einmal funktioniert. Deswegen fände ich eine Art Schreibwerkstatt, ein Autorenstudio oder so eine Art Autorenredaktion sehr gut, die in solchen Zeiten wie diesen sicher den sozialen Zusammenhalt fördert. Außerdem muss man dann nicht seine Ideen der ganzen Welt im Internet zugänglich machen, sondern tauscht sie auf persönlichem Wege und viel unmittelbarer aus.

Das ist mit der Grund, warum ich manchmal auf etwas vorlaute, kommunikationsfreudige Weise (schriftlich) über manche ungelegten Eier nachdenke, Covergestaltungen für nicht existente Buchdeckel durchführe, was mich selbst immer auf gute Ideen bringt und mit mancher Vorankündigung über das Ziel hinaus schieße.

Um das tun zu können fing ich ursprünglich mit dem Bloggen an. Später kamen dann zusätzlich Glossen und Kolumnen zustande. Im Blog. Ich denke, in dieser Sache kann ich nicht aus meiner Haut, auch wenn professionelle Autoren sich anders verhalten.

Schade, schade, Schreibblockade

Wenn man eine Geschichte für ein Projekt, eine Ausschreibung oder einen Verlag schreibt, der diese in Auftrag gegeben und vielleicht sogar bevorschusst hat, arbeitet die Zeit gegen einen. Das kann schon mal Druck verursachen, der die Kreativität schmälert. Schreibblockade, nennt man so etwas im allgemeinen.
So ging und geht es mir gerade, da ich immer nur Bruchteile des Tages Zeit für private Dinge habe und zum Schreiben aber das Gefühl brauche, nicht noch weitere Termine oder Jobs an dem Tag zu haben. Von 8 bis 8 Uhr dreißig zu schreiben, dann wieder von 12 bis12 Uhr fünfzehn etc. fördert bei mir nichts an Ideen zutage. Außerdem ist dann die Zahl der Zeilen, die ich in der kurzen Zeit einzutippen vermag, sehr begrenzt.

Deswegen ist es keineswegs von moralischem und ideellem Nachteil, Selfpublisher zu sein. Höchstens von finanziellem, und wenn man sich und seine Werke aktiv und nachhaltig vermarkten will, letztendlich auch von zeitlichem.

Während des seltsamen Jahres 2020 hatten und haben viele kreative Köpfe Einschränkungen in ihren Entfaltungsmöglichkeiten erfahren. Geschichten und Bücher entstanden und entstehen weiterhin, ob daheim oder woanders, gemeinsam mit Kollegen und Gleichgesinnten. Ich weiß nicht, ob ich einerseits froh sein soll, nach wie vor einen Hauptjob mit sicherem Einkommen zu haben oder mich darüber ärgern soll, dass ich nicht vermehrt für andere Dinge wie für mein Lieblingshobby Zeit habe. Zugegeben, ich war darauf eingestellt, evtl denJob zu verlieren und mehr zeit zu haben. Vielleicht ist es aber auch gut so, immerhin stehe ich jetzt kurz vor meinem ersten Urlaub, den ich aich zum Schreiben nutzen werde. Verreisen und woanders die Gastronomie und die Kultur zu genießen, macht derzeit sowieso weder Sinn noch Spaß.

Dann setze ich mich doch lieber hin und denke einmal mehr über mein zukünftiges Zeitmanagement nach. Und die nächste Schreibblockade plane ich genau im Voraus – nämlich genau dann, wenn ich nach langer Zeit wieder das erste mal verreise.

Blogstory (02) Der Frisierer

Karl Richard Ishna aus Hinterwellingen hatte neben einem außergewöhnlichen Namen auch das ebenso außergewöhnliche Talent, überall gut abzuschneiden. Ishna sollte daher auch Friseur werden, wie schon sein Vater. Aber im Unterschied zu Walter Ishna frisierte Karl Richard nicht nur Menschen, sondern auch Autos. Mit leidenschaftlicher Hingabe schraubte er an Motoren herum und tunte alles, was ihm unter den Maulschlüssel kam.

Seinem Vater war es nicht einerlei, ob sich sein Sohn für Kurbelwellen oder Dauerwellen, für die Autowracks im oder das Shampoo gegen Schuppen interessierte – und so sah der Friseurmeister Walter Ishna mit bangem Erwarten der Entscheidung seines Sohnes entgegen.

Als Steppke hatte Karl Richard hatte anfangs nur Haare gewaschen, und die Kundschaft war durch die Bank voll des Lobes über den fleißigen Sohn des Friseurs. Bald schon konnte er erste einfache Haarschnitte vornehmen, ohne die Kundschaft allzu unglücklich zu machen – sie waren fast immer mit dem Ergebnis zufrieden, immerhin war Karl Richard ja noch ein Junge. Vor Stolz strahlend nahm der sein Trinkgeld entgegen und genoss die Anerkennung.

Man schrieb die späten fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als Karl Richard sich zum Wohlgefallen seines Vaters Walter entschied, in dessen Fußstapfen zu treten – soweit sie trotz der abgeschnittenen Haare am Boden zu sehen waren, und sich ebenfalls einen Namen als Friseur zu machen. (Als Automechaniker eine Lehre – lieber vor der, als auf die Schulbank drücken)

Als er zu seinem Achtzehnten Geburtstag vom stolzen Vater das neue Namensschild für den Salon überreicht bekam zum Zeichen, dass er nun Verantwortung übernehmen konnte und sollte, kam dem nachdenklich dreinschauenden Karl Richard die Aufschrift dann allerdings merkwürdig vor. Seine Vornamen hatte der Vater aus Platzgründen abkürzen lassen und so stand da nun:

„Salon HAARE K.R.ISHNA“

Eine Dauerwelle des sagenhaften Erfolges kam bald darauf schon auf Karl Richard zu. Geheimnisvolle Leute mit befremdlichen Reden und mit Bettlaken um die Schultern waren eines Tages in seinen kleinen Salon gekommen, umringten ihn palavernd und verneigten sich vor ihm. Sie sangen in merkwürdiger Weise den Namen seines Salons und sahen mit vor Staunen offenen Mündern dem Vater und Sohn beim Frisieren zu.
Walter Ishna wusste nicht so recht, ob diese merkwürdigen Leute nicht am Ende doch gefährlich waren, sein Sohn aber kannte keine Berührungsängste und ging unbekümmert auf sie zu. Karl Richard sah in ihnen potenzielle Kunden und konnte tatsächlich einen der Männer auf den Frisierstuhl locken.

Wunschgemäß schnitt er ihm eine Glatze und cremte diese hinterher ein, so dass sie glänzte wie eine frisch lackierte Motorhaube. Nun gab es kein Halten mehr für die Übrigen, alle wollten sie so glänzen auf ihrem Haupt – und Karl Richard musste schließlich den Vater hinzu holen, um vor Einbruch der Dunkelheit fertig zu werden. Die neu gewonnenen Kunden vergötterten Karl Richard, bedankten sich immer wieder überschwänglich bei ihm und überhäuften ihn und seinen Vater mit guten Wünschen, dass den Beiden fast schwindelig wurde. Immer wieder sangen sie ihr Dankeslied über den Friseursalon …“Haare K.R. Ishna, Haare, Haare …“.

Walter Ishna fand die Leute mittlerweile auch sehr nett, und vor allem brachten sie leicht verdientes Geld in die Kasse. Was noch leichter wurde, da Karl Richard sich zum Meister qualifizierte im Verkauf von Zusatzartikeln wie Cremes, Lack, Brillantine und haarwuschfördernden Mittelchen.
Nach dem Mauerfall 89 brannte KR mächtig darauf nachzusehen, ob er sich nicht noch viel mehr solcher pflegeleichter Kunden angeln könnte. Irgendwann hatten ihm seine Bettlaktenkunden erzählt vom „Fernen Osten“, das da alles herkäme, und so machte er sich als mobiler Landfriseur schleunigst auf den Weg nach Brandenburg. Und staunte: Nicht nur die Cremes, sogar sein klappriges Auto wollte man ihm dort abkaufen. Als er hörte, was der nette junge Mann zu zahlen bereit war, überstieg das sogar Karl Richards Gewissen und so gab er ihm einen kostenlosen Haarschnitt obendrein. Glatze natürlich. KR tauchte schleunigst unter und am nächsten Tag mit dem nächsten klapprigen Auto vom Hof wieder auf.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von dem tollen Friseur, der tolle Autos verkaufte und KR war begeistert vom Osten und vielleicht der erste Monatskartenbesitzer für den Nachtzug von Brandenburg nach Hinterwellingen. Nachdem er so manche Kopfhaut frei- und manche Karosse tiefer gelegte hatte, richtete er sich vom Erlös eine kleine Werkstatt ein, mit Büro und Warteraum, der aussah wie ein Friseursalon.

Brandenburgs Jungvolk zählte bald schon zum Kundenkreis des frisierenden Automechanikers oder des Autos verkaufenden Friseurs – ja, was genau Karl Richard von Beruf war, dass erschloss sich den kahlköpfigen Autofahrern Brandenburgs nicht wirklich. Aber obwohl er ihnen oft während des Haareschneidens ein allzu klappriges Auto verkaufte, oder während der Motorwäsche eine Kopfwäsche verpasste, standen sie servicehungrig wie sie waren, bald schon wieder auf seiner Matte. Nun ja, Glatzenträger sind nette Menschen, das wusste Karl Richard ja aus Erfahrung, auch wenn sie ihm nicht so offenkundig huldigten und sich verbeugten wie die Bettlakenträger damals in Hinterwellingen.

Sie hatten ihre eigenen Methoden: Ihm zu Gefallen fuhren sie regelmäßig mit ihren Karossen an Bäume, so dass ihm sein Einkommen so sicher war, wie den Glatzen der nächste Haarschnitt.
Die Unfallrate war in der Tat erschreckend hoch, und Karl-Richard machte sich bereits Sorgen um seine Zukunft. Wovon sollte er leben, wenn es kaum noch Männer zum Autoskaufen und Köpfe zum Glatzeschneiden gab – oder intakte Alleebäume, gegen die man zur Huldigung fahren konnte?
‚Der kluge Mann baut’ vor, hatte er irgendwo gehört. Und so begann er zu spenden, was das Zeug hielt: Samen für den einen, Jungbäume für den anderen Zweck. Leisten konnte er sich das inzwischen, denn seit kurzem prangte ein großes neues Firmenschild über einem großen neuen Gebäude:

SALON Autos + Haare K.R.Ishna

Was alles geschah, nachdem Sektenbeauftragte den Laden in Brandenburg genauer unter die Lupe nahmen, das ist schon wieder eine andere Geschichte…

die erklärung manchen dinges aus sicht eines schreiberlinges