Schlüsselerlebnisse (Leseprobe)

Nachfolgende Leseprobe muss auch erstmal noch etwas gedeihen, denn es ist die eben entstandene Arbeitsfassung einer Kurzgeschichte, die zu einer Zeit spielt, als es noch weder Handy noch Internet gab. Ich mochte diese episodenhafte Erzählweise schon immer. Ein Paradebeispiel dieser Art, an welches ich mich erinnere, ist Steve King´s Kurzgeschichte „Katzenaugen“. Ganz so gruselig wird es hier nicht. Aber spannend, so hoffe ich, wohl schon.

Schreiend rannte sie durch das Treppenhaus auf die Straße. Ihre grauenvolle Todesangst widerhallte im Flur des Altbaus, weckte nun doch ihr Baby, dass siein dem kleinen Appartement im zweiten Stock zurückgelassen hatte und ließ die alte Witwe Kruse im Parterre erschrocken zum Türspion humpeln. Die schwergewichtige Alte vergaß die Schmerzen und ignorierte ihre offenen Beine. „Was um Himmels Willen war das?“, murmelte sie vor sich hin und presste ihr rechtes Auge an das Guckloch. Das war doch die Studentin aus der Zweiten, dachte die Kruse. Wovor rannte sie weg, was hatte sie dermaßen geängstigt? Polternden Schrittes kam jemand schwerfällig die Treppen herunter, und plötzlich ertönte eine tiefe, unheimlich wütend klingende Männerstimme: „Antonia!“ Keuchend stapfte eine korpulente Person an der Tür der alten Kruse vorbei, die sich vor Schreck duckte, als fürchte sie, durch den Türspion entdeckt zu werden. Jäh schoss ihr der Schmerz in die Hüfte, und sie stöhnte auf. Schnelle Bewegungen waren Gift für ihre kaputten Knochen, und das neue Hüftgelenk ließ noch auf sich warten. Das laute Weinen des Babys aus dem Appartement oben vermochte die fast taube Witwe hier unten hinter ihrer geschlossenen Korridortür nicht zu hören. Sie konnte sich nur darüber wundern, was das junge Fräulein für seltsamen Herrenbesuch hatte.

Antonia rannte die Straße entlang, und während ihr die Tränen kamen, hielt sie sich die brennende Wange. Nur weg von diesem Säufer. Sie wusste, er würde jetzt hinter ihr her sein, ihren Jonathan würde Oma Kruse im Parterre für ein paar Stunden behüten müssen. Sie rannte in die Nebenstraße, wo sie eine etwas versteckt stehende Telefonzelle wusste. Hier würde der dicke Säufer sie hoffentlich in den nächsten drei Minuten nicht suchen. Zitternd vor Aufregung wählte sie die Nummer der alten Kruse. Ein Ruf ging ab, zweimal, dreimal. Ungeduldig trat Antonia von einem Bein aufs andere. „Komm schon, Oma Kruse.“

Endlich nahm jemand den Hörer ab. „Ja?“ Antonia bat sie, das Kind nach unten zu holen und zu behüten, bis sie in einigen Stunden wieder da sein würde.

Schweigen am anderen Ende, jemand atmete schwer.

„Oma Kruse? Hast du Zeit, kannst du mir den Gefallen tun?“Ein tiefes Grummeln am anderen Ende war die Antwort. Das klang so gar nicht nach der Witwe.

„Hallo? Wer ist da?“

Rascheln und Knistern in der Leitung, jemand flüsterte aufgeregt: „Bist du verrückt? Leg auf!“ Und das passierte auch.

Oh Gott, war die alte Frau etwa nicht alleine? So lange Antonia die alte Witwe kannte, hatte die noch nie Besuch empfangen. Das war ja zum Haareraufen! Ging das noch mit rechten Dingen zu? Was geschah nun mit ihrem vier Monate alten Sohn Jonathan, musste der Kleine allein in der Wohnung bleiben?

Ihr Verfolger bog um die Ecke und näherte sich der Telefonzelle, ohne diese scheinbar zu entdecken. Die junge Frau wagte nicht, zu atmen und hielt sich den Mund zu.Schließlich blieb er stehen, blickte suchend umher und entdeckte seine Frau in der Telefonzelle, die halbwegs durch ein Gebüsch verdeckt wurde. Zu spät, es ist zu spät, jetzt die Polizei anzuwählen, dachte Antonia und stürmte aus der Zelle, in der Aufregung ihr Schlüsselbund vergessend. Japsend näherte sich Harald der Zelle, blieb aber an Antonia dran, als sie aus der Tür stürmte. Die Schlüssel lagen noch immer auf dem Ablagebrett neben zwei dicken Telefonbüchern.

Im obersten der beiden Verzeichnisse blätterte zwei Minuten später ein junger, adrett gekleideter Mann in Anzug und Trenchcoat, der eilig die Seiten überflog und mit dem Zeigefinger an einer Stelle verharrte, zum Hörer griff, Kleingeld einwarf und auf das Freizeichen wartete. Mist, dass nicht an jeder Straßenecke so eine Zelle steht, dachte er und lauschte in den Hörer hinein.

„Ja, Scholanik hier, Uwe Scholanik. Ist es schon da?“ Aufregung schwang mit in seiner Frage, dann kam wieder diese Sorgenfalte auf seiner Stirn zum Vorschein. „Und wie geht es ihr?“ Er lauschte. „Gut, sagen Sie ihr, dass ich angerufen habe, und ich komme nach der Arbeit und besuche sie.“ Die schlechte Nachricht aus der Klinik beunruhigte ihn. Sylvia, seine Freundin lag in den Wehen, und das schon einen Tag lang.

Unbewusst hatte er während der zermürbenden Wartezeit auf das Gespräch nach einem Schlüsselbund gegriffen und damit herumgespielt. Nun fragte er sich, was er damit tun sollte. Das Fundbüro fiel ihm ein. Aber jetzt war es erstmal Zeit, zur Arbeit zu gehen. Die Spätschicht begann in wenigen Minuten. Dann würde er abends zu Sylvia fahren. Dieses Schlüsselbund konnte warten, also steckte er es ein und verließ die Zelle raschen Schrittes.

Komm, sag´s mir

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.