Archiv der Kategorie: Kolumnen und Glossen

Glosse: Sieben auf einen Streich

Es war einmal ein Autor, der wäre so gern schon ein richtiger Schriftsteller. Aber er hatte nicht alle Tassen im Schrank. Die stapelten sich nämlich dreckig neben seinem Schreibtisch. Aber von denen ist hier eigentlich nicht die Rede. Er war nämlich so schizophren, dass er dank seiner Persönlichkeitsspaltung für jede Lesung, die er besuchte zehn Eintrittskarten kaufte! Das ging auch alles gut – bis sieben seiner zehn Ich´s eine gemeinsame Anthologie herausbrachten, die wider Erwarten ein Bestseller wurde. Und somit steckte er richtig in Schwierigkeiten.

Alle sieben beteiligten Autoren wurden nämlich zu einer Pressekonferenz eingeladen. Ein telefonisches Interview hätte er ja noch irgendwie realisieren können, aber diese Pressekonferenz sollte aus Anlass einer großen Buchmesse stattfinden.

Als unser Schriftstellerlein nun am Messepressestand um die Ecke bog, erschrak er gar sehr. Da standen sieben Stühle, auf einem flachen Couchtisch davor warteten sieben Gläser Wasser darauf getrunken zu werden, und daneben lagen sieben Mikrofone.

Aber damit nicht genug: Nach einer freundlichen Begrüßung durch den Gesprächsleiter wurde ihm der Fotograf vorgestellt – und der wollte ein Gruppenfoto machen. Guter Rat war teuer und trotzdem ausverkauft. Die anderen sechs Mitautoren seien krank und hätten ihn geschickt, flunkerte unser Tor. Pardon, unser Autor. Das aber ließ der Gesprächsleiter nicht gelten, und so turnte unser Kriztelfink von Tisch zu Tisch, sabbelte in jedes Mikro, beantworterte jede Frage mit einer anders verstellten Stimme und verrichtete so körperliche Höchstarbeit. Die Zuschauer amüsierten sich prächtig. Das Gruppenfoto entstand mit Trick 17, und das kam so:

Das Umkleidezimmer der Ballerina Xantopia Trudeltanz, die nach dem Interview ein durchgelesenes Buch tanzen und so die Gäste ergötzen sollte, glich sowieso einem Spiegellabyrinth auf dem Pfingstmarkt. Der Fotograf schob den Möchtegernschriftsteller in die richtige Position und klickediklick, tummelten sich ein Haufen gleich aussehende Autoren auf dem Foto. Das heißt, sooo gleich sahen sie nun auch nicht aus – denn es waren auch zwei große Hohlspiegel dabei gewesen…

Wenig später las man vom Tod des Autoren. Es hieß, seine drei an der Anthologie nicht beteiligten Persönlichkeiten wären eifersüchtig geworden ob des Erfolges der sieben anderen, hätten sich grausam gerächt und so alle SIEBEN AUF EINEN STREICH getötet.

Glossa Nova und Kolumnuss

Wortspiele sind mehrdeutig, witzig und prickeln im Bregen. Deswegen entsteht gerade ein Reigen abgedrehter Glossen und Kolumnen jenseits des Internets, um dann zukünftig wohldosiert und auf wortspielerische Weise hier präsentiert zu werden.

Das Projekt wird etwas Zeit kosten, aber es zielt darauf ab, die Belanglosigkeit mancher Inhalte hier zu minimieren und diesen Blog etwas mehr als eine Art Gedankentagebuch zu begreifen. Freilich, so ganz bierernst kriege ich das nicht immer hin, siehe Überschrift. Aber ich denke, das wird kurzweiliger Lesestoff. Oups – das war schon wieder eine Ankündigung …

Ein Strandgedanke zum Beispiel …

So viel Maskierte am Strand, da bekommt man richtig Angst. Einige Badewütige gehen sogar mit Mundschutz ins Wasser. Aber ist das am FKK-Strand überhaupt erlaubt? Ist der Mund- und Nasenschutz nicht ein verhüllendes Kleidungsstück, ebenso wie eine Badekappe, Schwimmflossen oder eine überdimensionale Sonnenbrille? Ich meine, fürchten die sich davor, die Fische, Quallen und Algen anzustecken? So ein Schnauzenpulli verhindert das Wasserschlucken auch nicht wirklich …

Der Reichtum des Einen ist des Anderen Verzicht

Es war einmal ein Rachestaat,
zwar nicht mehr umgeben von Stacheldraht,
der aber seine Bürger zur Kasse bat –
als Resultat für ihr Wahlzettelkreuz:
Jeder Wähler bereut´s,
doch die Regierenden freut´s;
kümmern die sich doch allenfalls
um die Vermehrung des Kapitals.
Und pinseln den Reichen mit Honig den Bauch.
Ihr eigener wächst davon übrigens auch.
Das Volk demonstriert mit Wut im Gesicht,
denn Reichtum des Einen ist des Anderen Verzicht.

Und schon gibt es plötzlich Gesetzesentwürfe,
die erlauben, dass Jede(r) jetzt Haschen dürfe,
Billiger seien ab sofort Spirituosen.
Und man verzeihe dem Pöbel seine Neurosen.

Beruhigt verzieht sich der Wähler in vollem Maße
mit seinen Spruchbändern von der Straße
sitzt wie einst vor dem Fernseher und fiebert verwegen
dem nächsten Wahlzettelkreuzirrtum entgegen.

Moral:
Man gebe dem Volk nur Brot und Spiele
Schon sind es der Rebellen nicht mehr so viele.

Unangepasstes Schreiben (2)

Viel zu wenig Bücher und Geschichten widerspiegeln die DDR-Zeit in realistischer, unverfälschter Weise und aus ostdeutscher Perspektive. Im Buch- wie im Filmgeschäft dominieren klischeelastige, voreingenommene westliche Betrachtungsweisen und moralisch einseitig durchtränkte Geschichten über die Zeit vor, während und nach der sogenannten Wende. Die stille Revolution war eines der größten Ablassgeschäfte der jüngeren Geschichte, deren beteiligte Seiten die Großmächte Russland und Amerika dem Drängen des wirtschaftlich gesättigten Westdeutschlands nachgaben, den Osten aufzukaufen. Dumm, dass die Treuhand die geplante Wirtschaftsreform durch blinden Aktionismus und durch Blitzverramschung einer ganzen Volkswirtschaft versaut hat. „Blühende Landschaften“ versprach der Einheitskanzler Kohl, und die gab es in der Tat überall da, wo ehemalige volkseigene Betriebe einer wilden Flora und Fauna wichen, auch wenn Gänseblümchen und Knöterich später wieder neuen Gewerbegebieten weichen mussten.

Zu wenig Authentizität aus dem Osten

Was ich damit sagen will … Ich bin dankbar dafür, dass ich in der Schule Literatur von Ivan Turgenjew, Maxim Gorki und Stefan Heym lesen musste, ostdeutsche Schriftsteller wie Anna Seghers, Gerhard Holtz-Baumert und Liselotte Welskopf-Henrich kennenlernen konnte. Aber in jüngerer Zeit vermisse ich wirklich das, was ich Heimatperspektive nenne. Wann immer über die DDR geschrieben wird, geschieht dies auf eine herablassende, bemitleidende, westlich-ironische Weise und durch Leute, die den ostdeutschen Staat auch nur aus ihren einseitig berichtenden Medien kannten.

Wo sind die jungen und die nicht mehr jungen Autoren und Schriftsteller, die die DDR noch kannten oder zu diesem Land eine Beziehung haben? Die auch positive Dinge zu berichten wissen und die westliche Sichtweise hier und da relativieren können? Das wäre doch mal unangepasstes Schreiben, weil solche Geschichten die Diskussion über soziale Intelligenz und Demokratie in diesem müden, übersättigten und selbstgefälligen Deutschland neu anregen würde.

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