Archiv der Kategorie: Kolumnen und Glossen

Unangepasstes Schreiben (2)

Viel zu wenig Bücher und Geschichten widerspiegeln die DDR-Zeit in realistischer, unverfälschter Weise und aus ostdeutscher Perspektive. Im Buch- wie im Filmgeschäft dominieren klischeelastige, voreingenommene westliche Betrachtungsweisen und moralisch einseitig durchtränkte Geschichten über die Zeit vor, während und nach der sogenannten Wende. Die stille Revolution war eines der größten Ablassgeschäfte der jüngeren Geschichte, deren beteiligte Seiten die Großmächte Russland und Amerika dem Drängen des wirtschaftlich gesättigten Westdeutschlands nachgaben, den Osten aufzukaufen. Dumm, dass die Treuhand die geplante Wirtschaftsreform durch blinden Aktionismus und durch Blitzverramschung einer ganzen Volkswirtschaft versaut hat. „Blühende Landschaften“ versprach der Einheitskanzler Kohl, und die gab es in der Tat überall da, wo ehemalige volkseigene Betriebe einer wilden Flora und Fauna wichen, auch wenn Gänseblümchen und Knöterich später wieder neuen Gewerbegebieten weichen mussten.

Zu wenig Authentizität aus dem Osten

Was ich damit sagen will … Ich bin dankbar dafür, dass ich in der Schule Literatur von Ivan Turgenjew, Maxim Gorki und Stefan Heym lesen musste, ostdeutsche Schriftsteller wie Anna Seghers, Gerhard Holtz-Baumert und Liselotte Welskopf-Henrich kennenlernen konnte. Aber in jüngerer Zeit vermisse ich wirklich das, was ich Heimatperspektive nenne. Wann immer über die DDR geschrieben wird, geschieht dies auf eine herablassende, bemitleidende, westlich-ironische Weise und durch Leute, die den ostdeutschen Staat auch nur aus ihren einseitig berichtenden Medien kannten.

Wo sind die jungen und die nicht mehr jungen Autoren und Schriftsteller, die die DDR noch kannten oder zu diesem Land eine Beziehung haben? Die auch positive Dinge zu berichten wissen und die westliche Sichtweise hier und da relativieren können? Das wäre doch mal unangepasstes Schreiben, weil solche Geschichten die Diskussion über soziale Intelligenz und Demokratie in diesem müden, übersättigten und selbstgefälligen Deutschland neu anregen würde.

Bewertung: 1 von 5.

Husten – Wir haben ein Problem …

In die Armbeuge niesen, in die Kniebeuge husten, nur noch durch die Ohren atmen, Blähungen ausschwitzen – ich habe es satt. Mein Körper übrigens auch. Ich werde nicht als Opfer dieser Keuch- und Schniefseuche, sondern als resignierender Grobmotoriker am Ende seiner sportlichen Fähigkeiten krepieren. Kaum niese ich in die rechte Armbeuge, also in meine eigene, kommt mein Kumpel Hans und begrüßt mich mit dem coronatischen Ellenbogengruß und stupst mich dabei so kräftig, dass bestimmt einige von den Niespartikeln aus dem Ärmel meines Viskosehemdes fallen. Und das Husten in die Kniebeuge verlangt mir körperliche Höchstleistungen ab. Prompt schnuppert der Hund meiner Eltern an der beniesten Stelle und ich ertappe mich dabei, dass es mir einerlei ist, ob er sich ansteckt. Der hechelnde Allesriecher ist ja kein Überträger per se, denn er ist ja keine chinesische Fledermaus.

In Zeiten, wo sich jeder noch so kleine Hustenreiz, jedes Kratzen im Hals bedenklich anfühlt und stinknormale Menschen im Supermarkt nicht mehr von ebenfalls maskierten Bankräubern zu unterscheiden sind, ist eigentlich kaum noch Platz für Gleichgültigkeit, Solidarität, die viel gepriesene und oft beschworene, rückt mehr und mehr ins Visier der Leute. Man verehrt und feiert plötzlich die Helden des täglichen Lebens, applaudiert sich und der Welt von Balkonen herunter und ernährt sich von Nudeln, Mehl und Klopapier. Jetzt, zu Hause, hat der Deutsche ja die Zeit dazu. Home Offices schießen wie Pilze aus dem Boden, während andererseits diverse Existenzen auf dem Spiel stehen.

Wo soll das noch hinführen? Wenn eines Tages die Entwarnung kommt, werden Millionen abgesagte Kulturevents, Konzerte, Tourneen, Weltmeisterschaften, Punktspiele, Bürgermeisterwahlen, Tupperparties, Reisen, Geburtstagsfeiern, Beschneidungen, Hochzeiten, Scheidungen, Banküberfälle, Staatsbesuche und Friseurtermine auf einmal nachgeholt – und wir werden so tun, als sei nichts gewesen.

Vorbei die Zeit, da ein einfaches Hüsteln ganze Supermärkte menschenleer zu machen vermochte. So kann man sich auch gegen Übergriffe gut wehren – das hätte mir mal früher passieren sollen! In der vierten Klasse hätte ich gern dem Schwarzenegger für Arme aus der 8c gesagt „Alter, lass mich in Ruhe, oder ich huste dich an“, um ihn dann leichenblass wegrennen zu sehen.

Aber das wird nicht lange vorhalten … Bald schon verfällt Otto Normalverbraucher wieder in sein gewohntes Alltagsmuster und hat das Dazugelernte wieder vergessen. Bald schon niest er wieder in die Armbeuge des Sitznachbarn auf dem Flur des Arbeitsamtes, applaudiert nicht mehr den Helden des Alltags, sondern Helen Fischer aus der ersten Reihe heraus und trägt seinen letzten Mundschutz als Tanga am FKK-Strand, weil er auf brave, gesittete Weise freizügig sein möchte. Vielleicht verschenkt er das Ding ja noch weiter hinterher, wer weiß … Ich würd´s nicht nehmen. Ich würde ihm was husten.

Wenn Worte reden könnten

Manchen Leuten fehlen wir. Andere suchen nach den richtigen von uns. Besessene ringen sogar um uns. Wir purzeln Vielschwaflern einfach so aus dem Mund, werden manchmal missverstanden, falsch gedeutet, nicht richtig ausgesprochen. Man nimmt uns ernst oder nicht, und wir fühlen uns immer so … benutzt. Wir wären gern die beste Alternative zur Gewalt, ein Stilmittel der Unterhaltung, sind manchmal machtvoll, manchmal verletzend. Sprachverliebte spielen mit uns herum, Stumme sehen sich nach uns, Verschwiegene denken uns nur, sprechen uns aber nicht offen aus. Und sich auch nicht. Wir stehen geduldig auf Papier, in Büchern, Nachrichten und in Wahlkampfreden. Die Menschen trauen uns nicht immer, wenn wir da sind. Das liegt aber an dem, der uns in den Mund nimmt. Sagt einer etwas falsches, nennt man es Sich Versprechen.  Die Menschen nehmen aber selten Versprechen zurück, lieber brechen sie sie. Dann gibt es unter uns noch ein spezielles Wort, nämlich das, welches die Menschen einander geben. „Mein Wort drauf!“, sagen sie dann, als hätten sie nur eines von uns, dessen sie mächtig sind und hätten dieses just weggegeben. Komische Spezies.  Manchmal aber bedarf es niemanden von uns.  Oder die Menschen lassen uns Taten folgen. Oder sie nutzen die Gestik und Mimik zur Wortsumgehung, aber nicht etwa, weil wir ihnen fehlen. Manchen Leuten hingegen fehlen wir wie gesagt. Andere suchen nach den richtigen von uns….