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Husten – Wir haben ein Problem …

In die Armbeuge niesen, in die Kniebeuge husten, nur noch durch die Ohren atmen, Blähungen ausschwitzen – ich habe es satt. Mein Körper übrigens auch. Ich werde nicht als Opfer dieser Keuch- und Schniefseuche, sondern als resignierender Grobmotoriker am Ende seiner sportlichen Fähigkeiten krepieren. Kaum niese ich in die rechte Armbeuge, also in meine eigene, kommt mein Kumpel Hans und begrüßt mich mit dem coronatischen Ellenbogengruß und stupst mich dabei so kräftig, dass bestimmt einige von den Niespartikeln aus dem Ärmel meines Viskosehemdes fallen. Und das Husten in die Kniebeuge verlangt mir körperliche Höchstleistungen ab. Prompt schnuppert der Hund meiner Eltern an der beniesten Stelle und ich ertappe mich dabei, dass es mir einerlei ist, ob er sich ansteckt. Der hechelnde Allesriecher ist ja kein Überträger per se, denn er ist ja keine chinesische Fledermaus.

In Zeiten, wo sich jeder noch so kleine Hustenreiz, jedes Kratzen im Hals bedenklich anfühlt und stinknormale Menschen im Supermarkt nicht mehr von ebenfalls maskierten Bankräubern zu unterscheiden sind, ist eigentlich kaum noch Platz für Gleichgültigkeit, Solidarität, die viel gepriesene und oft beschworene, rückt mehr und mehr ins Visier der Leute. Man verehrt und feiert plötzlich die Helden des täglichen Lebens, applaudiert sich und der Welt von Balkonen herunter und ernährt sich von Nudeln, Mehl und Klopapier. Jetzt, zu Hause, hat der Deutsche ja die Zeit dazu. Home Offices schießen wie Pilze aus dem Boden, während andererseits diverse Existenzen auf dem Spiel stehen.

Wo soll das noch hinführen? Wenn eines Tages die Entwarnung kommt, werden Millionen abgesagte Kulturevents, Konzerte, Tourneen, Weltmeisterschaften, Punktspiele, Bürgermeisterwahlen, Tupperparties, Reisen, Geburtstagsfeiern, Beschneidungen, Hochzeiten, Scheidungen, Banküberfälle, Staatsbesuche und Friseurtermine auf einmal nachgeholt – und wir werden so tun, als sei nichts gewesen.

Vorbei die Zeit, da ein einfaches Hüsteln ganze Supermärkte menschenleer zu machen vermochte. So kann man sich auch gegen Übergriffe gut wehren – das hätte mir mal früher passieren sollen! In der vierten Klasse hätte ich gern dem Schwarzenegger für Arme aus der 8c gesagt „Alter, lass mich in Ruhe, oder ich huste dich an“, um ihn dann leichenblass wegrennen zu sehen.

Aber das wird nicht lange vorhalten … Bald schon verfällt Otto Normalverbraucher wieder in sein gewohntes Alltagsmuster und hat das Dazugelernte wieder vergessen. Bald schon niest er wieder in die Armbeuge des Sitznachbarn auf dem Flur des Arbeitsamtes, applaudiert nicht mehr den Helden des Alltags, sondern Helen Fischer aus der ersten Reihe heraus und trägt seinen letzten Mundschutz als Tanga am FKK-Strand, weil er auf brave, gesittete Weise freizügig sein möchte. Vielleicht verschenkt er das Ding ja noch weiter hinterher, wer weiß … Ich würd´s nicht nehmen. Ich würde ihm was husten.

Urlaub autofrei und der Drinnen-Draußen-Koeffizient

Dieser Tage steht Erholung vom Job an, und das war natürlich wieder mal überfällig. Und dann überfällt einen im Privaten gutgläubigen Langsamfahrer die Nachricht, dass auch der Führerschein 4 Wochen Urlaub in der Schreibtischschublade einer Behörde gewonnen hat. So passiert auf dienstlicher Fahrt, wo besagter Autofahrer in einer Mischung aus Zeitdruck und Gedankenversunkenheit während der Fahrt abgelichtet wurde.

Also nutzt der Betroffene die Gelegenheit, stellt sein Kleinstwagen, dieses Schlaglochsuchgerät in den Keller und holt sein verstaubtes Bike heraus. Und siehe da: Die zahlreichen kleinen Privattouren werden merklich kürzer und nehmen ab. ( Ebenso wie der frisch gebackene Lenk- und Tretstrampler) Früher mit dem Autolein war es ein Leichtes, mal hierhin, mal dorthin zu cruisen: Zum gemütlichen Biereinkauf an die Tanke, zum Friseur drei Blöcke weiter, usw. Einmal führte ihn sein Weg mit dem Auto um den Wohnblock herum, weil ihm ein Staubtuch vom Balkon geweht war.

Jetzt aber überlegt sich der beurlaubte geblitzdingste Nachtraser, dass er doch gar nicht so oft unterwegs sein mag. Aus lauter Mitgefühl für sein Fahrrad (Wie würdest du dich fühlen, dauernd getreten zu werden ?) bleibt er – trotz oder wegen des Urlaubs – lieber immer öfter zu Hause. Das wirkt sich natürlich auf die Draußen-Drinnen-Statistik aus.

Sauerstoffmangel kennt er dennoch nicht: Schließlich lassen sich seine Fenster daheim ja öffnen. Also, notfalls. Aber an einem Tag tat unser Felge Schneider etwas ganz Vogelwildes: Er weilte stundenlang draußen! Na gut, es war nur, weil er in aller Gemütlichkeit seinen zwangsbeurlaubten Straßenfloh auf dem Parkplatz vor seinem Block innen und außen reinigte.

Sein Fahrrad ist allerdings damit erst an der Reihe, wenn er wieder motorisiert durch das Dorf preschen kann und es deswegen schwermütig im Keller herumsteht. Könnte schon sein, dass die Fahrradkette dann im Anflug einer Depression die eine oder andere Ölträne verdrückt ….

Helau-Gedöns und Spaß zweiter Wahl

Als weinerlicher Jammer-Ossi aus dem kühlen Norden, der zum Lachen in den Keller und zum Heulen auf das Dach geht, wenn Vollmond ist und sein Therapeut mal wieder Urlaub hat, interessiert mich dieses Helau-Gedöns namens Karneval Null. Wenn ich wollte, ich würde tagein tagaus von Lachkrämpfen geschüttelt werden und kaum meiner Arbeit nachgehen können. Mein Leben ist saulustig, aber ich hebe mir mein Gelächter noch auf, bis ich alt bin und ein paar Lachfalten mehr nicht auffallen. Da ist so ein bißchen staatlich geduldete Albernheit mit Narrenkappe als Erkennungszeichen ein Armutszeugnis für den deutschen Humor. Der war selten von so korrekter Dürftigkeit und geplanter politischer Unkorrekheit wie heutzutage. Seltener werdende Schenkelklopfer, kaum noch Lospruste-Schoten, dafür aber ständig auftretende Anstandsschmunzler sind die Regel, wenn Medien sich dem Lachen zuwenden wollen.

Anstandsschmunzler (oder auch: Anstaltsschmunzler) , das könnte übrigens ein Nebenjob für Publikumsmitglieder in solchen Sendungen sein. Dieser Zuschauerrandgruppe würde dann der verantwortliche Programmredakteur am Einlass die Gesichtshaut straff ziehen, am Hinterkopf zusammentackern und die Mundwinkel so bis an die Ohrläppchen ziehen. Dann hält auch dank der dicken Hautfalte am Hinterkopf die Narrenkappe besser auf dem strohgefüllten Hutständer.

Nein, liebe Lachsäcke und Streichspieler, echter Humor ist an keine 5. Jahreszeit oder an keinen Anlass, keine Verordnung gebunden. Alle diese Teilzeitjäcken, die sich einmal im Jahr alte Bonbons und zotige Komplimente an den Kopf werfen, nur weil es immer so war und im Kalender steht, haben daher aus meiner Sicht ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn sie, wie die meisten von ihnen, danach wieder brav zur Tagesordnung übergehen und so weitermachen, wie sie vor dem 11.11. aufgehört haben.  Das kommt dann nicht von Herzen, sondern aus der Gewohnheit heraus.

Ja, der deutsche Humor muss ausgewechselt werden, er wirkt arg angeschlagen. Eine Reha würde ihm gut bekommen. Hängt wohl damit zusammen, dass wir uns alles bei den Amis abgucken, einem Volk dessen Sitcoms bereits nach der Pilotfolge anfangen zu schwächeln und die dann nur noch so witzig sind wie ein Dreisprung im Minenfeld.

A propos Waffen – zurück zum Thema: Als Kind habe ich mich auch nicht nur zum Fasching als Cowboy oder Indianer verkleidet, sondern dann, wenn ich Zeit und Lust dazu hatte. Meistens hat man ja mit Freunden (also echten Menschen) so etwas draußen an der frischen Luft gespielt. Live und in 5D. Stereo. Ohne Maus. Das heißt, einmal hat der lange Lulatsch von gegenüber eine gefangen. Die war noch an keinen PC gebunden, rannte noch selbst herum, also schon damals wireless!

So und nun hole ich die Leiter vom Dachboden, denn irgendwie macht mich das alles traurig, und heute Abend ist wieder Vollmond.

„Oh Gott, ist das hoch … ja. Vollmond, kein Zweifel. Ich seh ihn.“

Wolle Rose kaufen?

Heute, am Weltkuscheltag, dem 14.Februar, vermeide ich als unromantischer Einzelkämpfer auf jeden Fall nicht nur die Gartenabteilung meines Lieblingsbaumarktes, sondern jedweden Kontakt zu Blumenverkäufern, indischen Rosenhändlern, Facebook und anderen sozialen Netzwerken. Wie jedes Jahr, ach was, wie zu jedem Feiertag triefen manche verschnörkelten Liebespostings in den Netzwerken nur so vor virtueller Kitschigkeit.

Nicht nur, dass die Werbung schon seit Tagen den Valentinstag im Visier hat, der ein willkommener Anlass zum Shoppen, Reisen, Blumen pflanzen, Pralinen schenken, Zähne richten lassen ( wegen des sympathischeren Lächelns), Feiern, Liebe machen oder Müll raustragen ist, er ist auch die Gelegenheit, dem Partner oder der Partnerin die berühmten drei Worte zu sagen, wenn man es schon den Rest des Jahres nicht fertigbringt und man danach gefragt wird. Ich spreche von jenen magischen drei Worten, die immer wieder gern genutzt werden, um auf sensible Art Prioritäten zu setzen: „JETZT NICHT, SCHATZ!“