Leseprobe aus „Gespenster sind nicht feige“ (Sarturia Verlag, 2014)

Es war einmal ein finsteres Fleckchen Erde. Nie wurde es dort richtig hell, auch tagsüber schien der Mond. Das hatte die Gebieterin, die über dieses Land mit Namen Fiesland herrschte, so befohlen, beschlossen und verkündet – kraft ihrer Hexensuppe.
Denn sie war niemand anders als die hinterlistige und gemeine Hexe Gespensta von der Geisterburg.

Die Geisterburg war ihr Schloss, auf dem sie residierte. Es war kein Schloss, vielmehr
eine alte verfallene Burgruine, so dass man sich fragen musste, wenn man das gruselige Gemäuer
von außen sah, wo um alles in der Welt sie da lebte und wohnte.

Der Hauptturm stand nur auf einem Hühnerbein, ganz so wie die Hexenhäuser früher im Märchenwald. Die Untertanen der Hexe lebten über das Land verteilt in Hütten, Felsen, zerfallenen, steinalten Bauernhäusern und in Scheunen. Gespensta von der Geisterburg hatte ihre Burg nahe der Hauptstadt von Fiesland, Gruselsheim. Diese Stadt sah finster, grau und trübe aus und lag an dem Fluss namens Angst, dessen Wasser spinatgrün im fahlen Morgenmondlicht flimmerte.
Sumpfgeister huschten wie glühende Seepferdchen über dem Wasser hinund her und kicherten mit ihren dünnen Stimmchen vor Vergnügen – ihr morgendliches Spiel wiederholte sich Tag für Tag. Im Spukwald nahe des Flussdeltas, einer Sumpflandschaft mit trockenen Schilfhalmen und stinkenden Morast, steckte eine Sarghälfte fest, welche von einem Skelett im Smoking als Ruderboot benutzt wurde.
Dieses Skelett war natürlich ein Gespenst so wie alle Untertanen der Hexe von der Geisterburg. Es schimpfte vor sich hin, und seine schrille Stimme überschlug sich vor Aufregung, während es vergeblich versuchte, die Sarghälfte durch Rudern vorwärts zu bewegen.
„Knochenbruch und Tiergedärm,“ fluchte es, „diese Eichensärge sind ja schwerer als die Geisterburg, man kriegt die weder vor noch zurück in dieser Grütze…“
Und das Skelett mühte sich redlich, kam aber nur minimal voran.
„Wieso mach´ich mir das auch so schwer, seit zweihundertfünfzig Jahren bin ich, Moderich von Tümpelschlamm, nun Flussbeauftragter hier… aber so dick war die Suppe hier noch nie, wahrlich!“
„Schuld ist Ihre Schrecklichkeit, die Hexe. Sie kippt so Sachen in den Fluss…“, kam plötzlich von irgendwoher eine tiefe Stimme.
Das Skelett mit Namen Moderich sah sich erstaunt um.
„Grins nicht so. Uahhahaha!“, lachte die Stimme über ihren eigenen Witz.
„Waldschrat? Wo bist du? Rassel mal mit den Ketten, damit ich sehe, wo du steckst?“, rief Moderich.

Hinter einem Baum trat ein Zyklop hervor, ein Riese mit einem Auge mitten auf der Stirn. Am Fuß war eine riesige Bleikugel angekettet.
„Sie brüht ihren Zaubertrank und verdickt ihn mit irgendwas. Der ist dickflüssig und zäh wie Schleim. Fui deibel. Und was sie nicht braucht, kippt sie in den Fluss“, erklärte der Waldschrat und kam näher ans Ufer.
„Kannst du ins Wasser kommen und mich an Land ziehen?“
„Wieso ruderst du, wo du doch durch Wände schweben kannst?“
“ Du Dummbatz. Ich bin auf meiner Streife. Muss den Fluss abfahren, immer zweimal am Tag – das weißt du doch.“
„Ähm ja, ach ja.“ Der Waldschrat kratzte sich am Kopf. Sein Gedächtnis war nicht mehr das beste. Er sah zurück in Richtung Ufer, entdeckte eine Riesenschnecke, die an einem Baum knabberte, griff zu seiner Eisenkette und schwang die schwere Kugel über dem Kopf, als sei die Kette ein Lasso, ließ plötzlich los – Moderich versteckte den Kopf hinter seinen dürren Armen – und die Kugel knallte auf die Schnecke.
„So, jetzt frühstücke ich erstmal.“ Und damit drehte der Waldschrat sich um, zog den halben Sarg aus dem Wasser aufs Land und stapfte in Richtung der Riesenschnecke davon, die er sich dann schmecken ließ.

Moderich hockte nun in seiner Sarghälfte auf dem Trockenen, blickte auf die wabernden Nebelschwaden über dem Fluss und zum heller werdenden Himmel und dachte: Bald ist wieder Mittag, dann gehts mir an den Kragen, wenn ich noch hier bin… Diese blöden Menschen, wenn die kommen, muss ich weg sein.
Moderich war zwar ein Gespenst, wenn auch ein gut angezogenes, aber Moderich von Tümpelschlamm hatte Angst vor Menschen – wie übrigens alle Geister in Fiesland. Und damit war nicht der Fluss namens Angst gemeint. Die Untertanen der Hexe hatten richtige Angst vor diesen
lauten schreienden, keifenden, fotografierenden kichernden, lachenden, spuckenden, schimpfenden, seltsam gekleideten Lebewesen, die jeden Tag mit dem Schiff in Gruselsheim anlegten und ihren Müll überall hinterließen.

Diese Menschen hatten vor nichts und niemandem Respekt. Nicht mal durch Spuken konnte man sie erschrecken – sie stiegen kurzerhand in so eine rollende Blechdose auf Rädern und tuckerten
davon! Oder sie hatten kleine Kästen in der Hand, aus denen Blitze kamen, und dabei konnte doch nur die Herrin selbst, Gespensta von der Geisterburg, Blitze senden… Das ging nicht mit rechten
Dingen zu. Und neulich, eines Tages, da hatte so ein junger Mensch doch tatsächlich ein schlimmes, unheilverkündendes Wort in den Mund genommen. Moderich hatte es gehört und es fuhr ihm durch
Knochen und Gebein: GEISTERJÄGER! Gab es solche Wesen wirklich? Was, wenn die eines Tages nach Fiesland kamen? Was würde ihre Schrecklichkeit, Gespensta von der Geisterburg gegen
diese gefährlichen Wesen unternehmen – und vor allem – wie sahen sie aus? Wer würde sie erkennen?

Moderich riss sich von seinen Gedanken los. Er musste sehen, dass er in seine Gruft kam. Es mittagte schon. – Ende der Leseprobe

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