Leseprobe aus Plaschke

Ich mache mir was vor, wer liegt denn hier im Nachthemd herum, dachte Plaschke, als plötzlich der Refrain des Titanic– Hits erklang, wegen des inzwischen kaputten CD-Recorders allerdings voller Inbrunst vom Küster geschmettert. Der einarmige Kirchenmusiker begleitete sich dazu auf der Orgel – leider nicht hinaus, wie die höchst irritierte Trauergemeinde feststellen musste, die der gewagten Darbietung des trällernden Küsters mit zugehaltenen Ohren und ängstlichen Blicken folgte.

Was um Himmels Willen war das denn? Plaschke verspürte einen Moment lang den Drang, die Augen zu öffnen und ein Donnerwetter loszulassen. Wo blieb AC/DC? Oder ging es hier am Ende gar nicht um ihn? Aber er glaubte, ganz deutlich das Schluchzen und Seufzen seiner Hella hören zu können, der Leuchtdiode seiner finsteren Nächte. Spätestens heute würde sie seine Alte kennenlernen, und Halogenia würde von Hellas Existenz erfahren. Aber das kümmerte ihn nun nicht mehr. Einem Toten fuhr keiner mehr an die Kandare. Plaschkes Arm war eingeschlafen, so dass er ihn leicht bewegte. Dabei stieß er von innen gegen den instabilen Sarg und verursachte ein lautes Geräusch. Was war denn das nun wieder? Vorsichtig klopfte er noch einmal, um das Material zu prüfen. Augenblicklich hörte der Küster mit dem auf, was er für Gesang und Musik hielt. Die Gäste wechselten ungläubige und erstaunte Blicke miteinander, denn die meisten von ihnen hatten dieses laute Klopfen deutlich vernommen. Woher kam das nur?

nnhzJust in diesem Augenblick beendete die Schulklasse den Halloweenbesuch in der Feierhalle und platzte in die Trauerfeier. Als eines der Mädchen den aufgebahrten Toten in seinem karierten Nachthemd sah, zückte es einen Edding und verzierte einige Karos auf Plaschkes Totenhemd eifrig mit Kreuzen und Kreisen. „Käsekästchen!“, rief es begeistert und blickte sich nach den Kameraden um. Einige von ihnen kicherten. Jetzt erst fielen der kreativen Filzstiftmalerin die Zuschauer auf. Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund und wollte eben den schlafenden, als Hexe kostümierten Mann in dieser merkwürdigen Pappumrahmung verlassen. Plötzlich schlug der die Augen auf! Von dem laut in der Kirche widerhallenden Schrei des entsetzten Mädchens, der noch zwei Straßen weiter zu hören war, nahm niemand außerhalb der Kirche Notiz. Ein Schrei eines vermutlich übermütigen etwas kam schon mal vor an einem Halloweenabend. ©2016

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