Leseprobe (2) „Schlüsselerlebnisse“

Oh Gott, war die alte Frau etwa nicht alleine? So lange Antonia die alte Witwe kannte, hatte die noch nie Besuch empfangen.

Das war ja zum Haareraufen! Ging das noch mit rechten Dingen zu? Was geschah nun mit ihrem vier Monate alten Sohn Jonathan, musste der Kleine allein in der Wohnung bleiben?

Ihr Verfolger bog um die Ecke und näherte sich der Telefonzelle, ohne diese scheinbar zu entdecken. Die junge Frau wagte nicht, zu atmen und hielt sich den Mund zu.Schließlich blieb er stehen, blickte suchend umher und entdeckte seine Frau in der Telefonzelle, die halbwegs durch ein Gebüsch verdeckt wurde. Zu spät, es ist zu spät, jetzt die Polizei anzuwählen, dachte Antonia und stürmte aus der Zelle, in der Aufregung ihr Schlüsselbund vergessend. Japsend näherte sich Harald der Zelle, blieb aber an Antonia dran, als sie aus der Tür stürmte. Die Schlüssel lagen noch immer auf dem Ablagebrett neben zwei dicken Telefonbüchern.

Im obersten der beiden Verzeichnisse blätterte zwei Minuten später ein junger, adrett gekleideter Mann in Anzug und Trenchcoat, der eilig die Seiten überflog und mit dem Zeigefinger an einer Stelle verharrte, zum Hörer griff, Kleingeld einwarf und auf das Freizeichen wartete. Mist, dass nicht an jeder Straßenecke so eine Zelle steht, dachte er und lauschte in den Hörer hinein.

„Ja, Scholanik hier, Uwe Scholanik.Ist es schon da?“ Aufregung schwang mit in seiner Frage, dann kam wieder diese Sorgenfalte auf seiner Stirn zum Vorschein. „Und wie geht es ihr?“

„Gut, sagen Sie ihr, dass ich angerufen habe, und ich komme nach der Arbeit und besuche sie.“

Die schlechte Nachricht aus der Klinik beunruhigte ihn. Sylvia, seine Freundin lag in den Wehen, und das schon einen Tag lang.

Unbewusst hatte er während der zermürbenden Wartezeit auf das Gespräch nach einem Schlüsselbund gegriffen und damit herumgespielt. Nun fragte er sich, was er damit tun sollte. Das Fundbüro fiel ihm ein. Aber jetzt war es erstmal Zeit, zur Arbeit zu gehen, um sich dort abzumelden. Schließlich wurde er Vater. Die Spätschicht in wenigen Minuten müsste ohne ihn auskommen. Er wäre sowieso nicht bei der Sache. Rolf, sein Chef, würde sicher fluchen. Ach was, er nahm sich vor, nur mit seinen Kollegen zu sprechen. Schließlich wussten die von dem freudigen Ereignis. Sollten die doch Rolf informieren. Ein weiterer Gedanke kam ihm, er wählte die Nummer seines Büros. Drei Minuten später steckte er gut gelaunt die Schlüssel in die Tasche und machte sich auf den Weg zur Klinik.

„Was? Scholanik kommt nicht? Ist er krank? Habt ihr mit ihm gesprochen?“ Ärgerlich sprang dessen Chef hinter seinem Schreibtisch auf. Polternd fiel der Stuhl um.

„Ja, und nein, und ja“, beantwortete die Sekretärin die Fragen ihres Vorgesetzten. Verwirrt und ärgerlich hakte der nach: „Was soll das, ja, nein, ja? Können Sie sich mal entscheiden, Frau Uhlig?“ Renate Uhlig wurde nun etwas ausführlicher. „Ja, er kommt nicht, nein, er ist nicht krank, und ja, wir haben mit ihm gesprochen. Er ist nicht krank, er wird in diesen Minuten Vater.“

Verlegen, aber immer noch grummelig kraulte sich der Chef das Kinn. Mit einem kurzen Kopfnicken gab er zu, das sei immerhin ein verständlicher Grund. Dann wandte er sich wieder an Renate.

„Bringen Sie in Erfahrung, ob er morgen zu kommen gedenkt. Wenn nicht, benötige ich einen Krankenschein.“

Sie nickte und verschwand wieder ins Vorzimmer. Uwe wird bestimmt ein sehr guter Vater, ging es ihr durch den Kopf. Sie empfand seit dem letzten Betriebsfest mehr als Sympathie für ihn. „Ich frage mal nach, ob er morgen kommt, bin gleich wieder zurück!“, rief sie durch die angelehnte Tür ihrem Chef zu und begab sich zu Uwe Scholaniks Kollegen.

Uwe musste unterdessen im Warteraum Platz nehmen und durchlebte endlose Minuten. Dass er Sylvia nicht sehen durfte, konnte nur bedeuten, dass sie schon im Kreißsaal die Geburt eingeleitet hatten. Hauptsache, es ist gesund, sagte er sich immer wieder. Zwischen euphorischer Freude und banger Hoffnung begann er, auf und ab zu gehen. Ihm schien es, als ob die Quarzuhr an der Wand immer langsamer wurde.

Im Rosenpark, einer wenige hundert Meter breiten Grünanlage mit Springbrunnen und Bäumen unweit der Klinik brüllte Harald seiner Antonia eine Entschuldigung hinterher, um sie zum Stehenbleiben zu bewegen. Wollte sie denn ewig vor ihm wegrennen? Erschöpft blieb er stehen und hielt sich die Seite.

Sie war ihm aus dem Blick entschwunden und auf Umwegen unterwegs zurück zu ihrem Appartement, wagte aber nicht, sich umzublicken und lief unermüdlich weiter. So oft hatte sie seine Ausrutscher hingenommen, nun war Schluss.

Als sie wieder an der Telefonzelle vorbeikam, fiel ihr plötzlich ein, dass sie hier ihre Wohnungsschlüssel liegen gelassen hatte. Sie waren weg. Außer Atem wählte sie die Nummer der Polizei und tastete die Oberseite des Münzfernsprechers ab, blickte suchend auf dem Boden umher und kämpfte schließlich mit den Tränen.

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