Bild von Luisella Planeta Leoni auf Pixabay

Husten – Wir haben ein Problem …

In die Armbeuge niesen, in die Kniebeuge husten, nur noch durch die Ohren atmen, Blähungen ausschwitzen – ich habe es satt. Mein Körper übrigens auch. Ich werde nicht als Opfer dieser Keuch- und Schniefseuche, sondern als resignierender Grobmotoriker am Ende seiner sportlichen Fähigkeiten krepieren. Kaum niese ich in die rechte Armbeuge, also in meine eigene, kommt mein Kumpel Hans und begrüßt mich mit dem coronatischen Ellenbogengruß und stupst mich dabei so kräftig, dass bestimmt einige von den Niespartikeln aus dem Ärmel meines Viskosehemdes fallen. Und das Husten in die Kniebeuge verlangt mir körperliche Höchstleistungen ab. Prompt schnuppert der Hund meiner Eltern an der beniesten Stelle und ich ertappe mich dabei, dass es mir einerlei ist, ob er sich ansteckt. Der hechelnde Allesriecher ist ja kein Überträger per se, denn er ist ja keine chinesische Fledermaus.

In Zeiten, wo sich jeder noch so kleine Hustenreiz, jedes Kratzen im Hals bedenklich anfühlt und stinknormale Menschen im Supermarkt nicht mehr von ebenfalls maskierten Bankräubern zu unterscheiden sind, ist eigentlich kaum noch Platz für Gleichgültigkeit, Solidarität, die viel gepriesene und oft beschworene, rückt mehr und mehr ins Visier der Leute. Man verehrt und feiert plötzlich die Helden des täglichen Lebens, applaudiert sich und der Welt von Balkonen herunter und ernährt sich von Nudeln, Mehl und Klopapier. Jetzt, zu Hause, hat der Deutsche ja die Zeit dazu. Home Offices schießen wie Pilze aus dem Boden, während andererseits diverse Existenzen auf dem Spiel stehen.

Wo soll das noch hinführen? Wenn eines Tages die Entwarnung kommt, werden Millionen abgesagte Kulturevents, Konzerte, Tourneen, Weltmeisterschaften, Punktspiele, Bürgermeisterwahlen, Tupperparties, Reisen, Geburtstagsfeiern, Beschneidungen, Hochzeiten, Scheidungen, Banküberfälle, Staatsbesuche und Friseurtermine auf einmal nachgeholt – und wir werden so tun, als sei nichts gewesen.

Vorbei die Zeit, da ein einfaches Hüsteln ganze Supermärkte menschenleer zu machen vermochte. So kann man sich auch gegen Übergriffe gut wehren – das hätte mir mal früher passieren sollen! In der vierten Klasse hätte ich gern dem Schwarzenegger für Arme aus der 8c gesagt „Alter, lass mich in Ruhe, oder ich huste dich an“, um ihn dann leichenblass wegrennen zu sehen.

Aber das wird nicht lange vorhalten … Bald schon verfällt Otto Normalverbraucher wieder in sein gewohntes Alltagsmuster und hat das Dazugelernte wieder vergessen. Bald schon niest er wieder in die Armbeuge des Sitznachbarn auf dem Flur des Arbeitsamtes, applaudiert nicht mehr den Helden des Alltags, sondern Helen Fischer aus der ersten Reihe heraus und trägt seinen letzten Mundschutz als Tanga am FKK-Strand, weil er auf brave, gesittete Weise freizügig sein möchte. Vielleicht verschenkt er das Ding ja noch weiter hinterher, wer weiß … Ich würd´s nicht nehmen. Ich würde ihm was husten.

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