Plaschke – So könnte es weitergehen (Leseprobe)

Es bleibt dabei – in diesem Jahr wird es wohl nichts, aber Plaschke ist noch nicht gestorben, und damit meine ich nicht ihn persönlich, sondern seine Geschichte, die evtl doch in ein weiteres Buch münden könnte. Ich lasse es einfach offen. Aber so oder so ähnlich könnte es weitergehen:

„Heute vor zwei Jahren ist der Alte verschwunden.“, erinnerte Hauab Plaschke seine Greta. Sie nickte beiläufig und entgegnete, er sei an dem Tag unter die Bankräuber gegangen. „Ja, leider hat er die Knete der Kirche vermacht. Pastor Glaubegut hatte sogar über einen Anbau nachgedacht.“  „Und das kaputte Kirchendach, wo es immer durchgeregnet hat? Gestern war es immer noch eingerüstet …“

„Ach, Greta Schatz, das ist dem Pfaffen doch egal. Der passt schon hierher, in diesen Sündenpool Sterbeberg-Trauerfeld.“ „Das heißt Sündenpfuhl.“  „Wie auch immer. Glaubegut lässt sich doch lieber eine riesige Showbühne mit Mega-Altar und schwebender Kanzel bauen, um besser predigen zu können. Oder er füllt lieber seinen Weinkeller auf.“ Greta Stase sah ihren Hauab ungläubig an. „ … mit der ganzen Million?“ Er blieb ihr eine Antwort schuldig, denn das Telefon klingelte. Seine Mutter Halogenia, die Witwe seines Vaters Fritz Plaschke weinte in den Hörer. „Er war wieder da. Heute Nacht war er wieder da!“, schluchzte sie. „Mutter, er ist seit zwei Jahren nirgends mehr gesehen worden. Er wird inzwischen wieder entschlafen sein.“

„Das weiß niemand, auch du nicht.“ „Wo sonst sollte er hin, wenn er leben würde, wenn nicht hierher zu uns?“ „Junge, er hat schon drei oder vier Herzstillstände gehabt, und jedesmal dachten wir, das war es jetzt endgültig. Wir hatten ihn sogar schon beerdigt!“, erinnerte sie ihren Filius.

Hauab Plaschke verdrehte die Augen.

Seine Mutter berichtete, ihr toter Mann habe sie in der Nacht am Bett besucht und sie ermahnt, wieder zu heiraten. Dann könne er endlich für immer verschwinden, so habe er sich ausgedrückt. „So ein Mumpitz! Ihr wart euch doch nicht mehr grün zuletzt, und nun soll der Alte so ein weichgespültes Zeug dahergeredet haben? Der ist doch schon verwirrt im Kopf.“ Hauab erklärte, das habe sie nur geträumt und legte genervt auf.

Kaum hatte Halogenia den Anruf beendet, klingelte jemand bei ihr. Ihr Herz schlug lauter und schneller. Fast schon befürchtete sie, dass der Besucher vor der Korridortür den Herzschlag auch hörte. Sie sah nicht durch den Türspion und öffnete, tief Luft holend.

Pastor Glaubegut trat ein, begleitet von Paul, dem jungen Messdiener. „Haben Sie Neuigkeiten von meinem Mann für mich, Pastor?“

Glaubegut schüttelte den Kopf. „Ich nicht, aber Paul hier.“ Und er blickte auf den Jungen hinab und knuffte ihn zum Zeichen, dass er reden sollte. „Mein Onkel war in Totlebenich. Er wollte zur Apotheke. Die ist jetzt aber ganz woanders. Da, wo sie war steht jetzt so ein Grabsteingeschäft … so ein … ähm…“

„Er meint, ein Steinmetz hat da seine Werkstatt!“, half Glaubegut aus. „Genau. Und mein Onkel schwört, dass er den toten Elektriker am Fenster gesehen hat. Mit den Armen hat er gefuchtelt, war ganz doll aufgeregt.“ „Wer, dein Onkel?“

Der Junge hielt kurz inne und antwortete: „Jaja, der auch. Nee, ich mein doch den Plaschke.“ Halogenia sackte in sich zusammen. Also konnte es kein Traum gewesen sein, das letzte Nacht. Ihr Mann weilte unter den Lebenden.Wieder mal, oder immer noch – wer wusste das schon?

„Bist du sicher, Paul?“ „Ich sage nur, was mein Onkel gesagt hat.“ Halogenia sah den Geistlichen an. „Pastor, beten Sie für mich. Was soll ich tun?“

“Nichts. Überlassen Sie das mir und dem Wechselmann. Der wird sicher kein Grab mit einer Klärgrube verwechseln. Der trinkt nicht, die einzige Flüssigkeit, die er zu sich nimmt, ist Soljanka. Können Sie mir einen Tee machen?” Halogenia rief daraufhin ihrem Sohn, der in der Küche weilte, zu: “Haui? Mach dem Pastor mal einen Tee, aber fix, ab mit dem Beutel in die Tasse!”

“So einen Schweinkram mach ich nicht, das tut verdammt weh”, kam es aus der Küche und Paul prustete los, erntete einen ernsten Blick des Pastors und presste die Hand auf den Mund, um nicht laut loszulachen.

“Stört sie so etwas nicht? Ich meine solche schlüpfrigen Sprüche?”, wollte Halogenia wissen, denn sie ärgerte sich über die flapsige Art ihres Sohnes. “Ach, wenn ich jedesmal etwas entgegnen würde, was würde das schon ändern. Anfangs habe ich mich noch bekreuzigt bei sowas … aber ich kann nicht für alle Abbitte leisten, die da nicht glauben.”

“Ich glaube, dass Ihr Mann Sie in Ruhe lässt”; verkündete Paul plötzlich, an die Dame des Hauses gewandt. “Wenn er so lange hier nicht aufgetaucht ist, dann hat er entweder wichtigeres vor, oder mein Onkel hat sich vielleicht doch geirrt, und er war das gar nicht, kann ja sein …”

“Aber du sagst, er war sich doch sicher … “, fragte Glaubegut erstaunt.

Hauab kam mit dem Tee ins Zimmer. “Wir sollten uns nicht unnötig verrückt machen. Der Griesgram wäre uns und vor allem mir und meiner Frau schon längst auf die Nerven gegangen. Wo soll er sonst hin? Nochmal ins Hospiz? Seine Krankenkasse hat ihn längst rausgeschmissen, auch die Stadt zahlt seine Pflege nicht mehr, weil niemand weiß, wie lange das noch so weitergeht. Seine Apothekerbraut lebt auch nicht mehr, die Apotheke wurde geschlossen und umgebaut inzwischen – ihm bliebe nur noch seine Familie.” “Und die Kirche.”, fügte Paul altklug hinzu. Pastor Glaubegut bekreuzigte sich nun doch schnell. Da sei Gott vor, dachte er und schämte sich sofort seines spontanen Gedankens.

Dem Jungen fiel die Beichte des alten Plaschke wieder ein, die ihn damals arg verwirrt hatte. Zufällig hatte er im Beichtstuhl gesessen und ein Heft mit müden, mittellosen jungen Frauen betrachtet, die sich auf Liegen und Betten räkelten und sich nicht mal ein Nachthemd leisten konnten. Plaschke hatte ihn für den Pastor gehalten, unaufgefordert im Beichtstuhl Platz genommen und munter drauflos gebeichtet. (c) 2020

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