Firma droht mit Arbeit

Bildungs-Aus für Ausbildung Ungelernter? Wie Firmen Arbeitslose recherchieren und auffordern, prekäre Jobs anzunehmen

KLARTEXT. Jobsuche steht ja immer mal wieder an bei mir. Als Ossi und Mitglied der Generation „Befristet“ ist das ja schon fast Routine. Aber einiges scheint sich auf dem Arbeitsmarkt doch geändert zu haben.

So kontaktieren Messeveranstalter nun potenzielle Bewerber nicht nur, um sie zu Jobmessen einzuladen, die 250 km entfernt stattfinden und wo sich die Unternehmen präsentieren, die der Arbeitssuchende auch vor der eigenen Haustür, nämlich in seiner Stadt findet, nein – es gibt auch Firmen, die von sich aus recherchieren, wer arbeitslos ist und wen man zur Bewerbung am Arbeitsamt vorbei auffordern könnte. Andersrum sind ja Initiativbewerbungen von ambitionierten Fachkräften in vielen Unternehmen gern gesehen. Aber wenn es sich beim Arbeitssuchenden um eine ungelernte Fachkraft der Generation 50+ handelt, und die ihn anschreibende Firma eine kleine Personalvermittlung / Zeitarbeitsfirma ist, dann sind wohl Zweifel oder zumindest ein paar Fragen angebracht. Antworten findet man bei einer Internetrecherche oder beim Erfahrungsaustausch mit anderen Arbeitnehmern, denen diese Firmen ein Begriff sind. Ja, auch Bewerber dürfen über potenzielle Arbeitgeber recherchieren. Nicht unbedingt verlassen sollte man sich hingegen auf die Agentur für Arbeit, die einem womöglich schnurstracks aus einer Nachfrage einen Vermittlungsvorschlag mit Rechtsfolgebelehrung bastelt, frei nach dem Motto: “ Sie müssen sich da bewerben, auch wenn die Firma Sie kontaktiert hat; denn Sie sind alt und haben keine Alternative.“ Wenn also Zeitarbeitsfirmen und Personalvermittlungen in einem industrieschwachen Flächenland wie M-V Bewerberprofile diverser Jobbörsen plündern und den Kontaktierten dann „tolle Konditionen, Prämien und unbefristete Verträge mit Übernahmemöglichkeiten“ auch als Helfer versprechen, kann das anfangs durchaus ernst gemeint sein, aber die Zahl jener Bewerber, die so ein Vorgehen aufgrund eigener Erfahrungen nüchtern zu betrachten wissen, steigt und steigt.

Kann ja sein, dass eine solche Verfahrensweise nicht nur dann praktiziert wird, wenn es um prekäre Arbeitsverhältnisse geht, also um Helferjobs zum Mindestlohn oder drunter. Denkbar wäre, dass Unternehmen auch um Fachkräfte und Spezialisten werben. Meiner Erfahrung nach kann ein jahrzehntelang im Berufsleben stehender Mensch, der zuletzt nur „Anlernjobs“, also einfache Tätigkeiten als Seiteneinsteiger ausgeübt hat, mit wenig Aufwand neu angelernt und/oder sogar ausgebildet werden. Und schon gäbe es einen Helfer weniger und eine Fachkraft mehr. „Erfahrung“ ist das Stichwort. Stattdessen reicht man unseren Beispielberufstätigen von einem prekären zum nächsten unterbezahlten Helferjob durch. Wenn er nicht mitmacht, wird er sanktioniert. Deswegen – und wegen der Bildungskrise in Deutschland – nenne ich den Fachkräftemangel hausgemacht. Ja, wir haben eine Bildungskrise. Wenn jemand anderer Meinung ist, dann soll er mir mindestens drei Argumente vortanzen. Sicher eignet sich nicht jeder Ungelernte bzw. nicht mehr qualifizierte Arbeitgeber für eine Fortbildung/Ausbildung oder Qualifizierung. Aber wer gibt ihnen die Möglichkeit, wenigstens einmal drüber nachzudenken? (Meistens) nicht die Unternehmen, die Fachkräfte brauchen, nicht die Jobcenter, nicht die Politik. Das Bildungs-Aus für die Ausbildung unterqualifizierter Arbeitskräfte ist der folgerichtige nächste Schritt. Und ich behaupte: Die Politik hat in ihren Augen Wichtigeres zu tun. Dumme Völker sind leichter zu regieren. -hardi-

 

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