„Leuchtturm in Flammen“ mit Volksmusik und düsteren Wikipedia-Sprüchen

Eigentlich war es ein gelungener Jahresanfang, der Besuch beim Leuchtturm in Flammen an der Warnemünder Küste. Gemeinsam mit anderen geschätzten 70 000 Besuchern trotzte ich der Kälte – dank Glühwein und regelmäßigem S-Bahnverkehr funktionierte das auch relativ gut – und zog mir mal das erste Küstenevent des neuen Jahres rein, über das ich Jahre zuvor immer nur gespöttelt und gewitzelt hatte. Und nun weiß ich: Zu Recht. 

Foto: A.Axmann
Foto: A.Axmann

Wir brachen zeitig genug auf, um vorher noch eine gegrillte Senfpeitsche mit Filmblut (=Rostbratwurst mit Ketchup, obwohl: soo rostig war die Wurst nicht) essen zu können und uns mal eben mit Glühwein die kalten Finger zu wärmen. Nicht dass wir ihn wegen des Trinkens gekauft hätten… egal. Aber so wie wir dachten auch noch mehrere hundert Besucher zur selben Zeit, was die Sache ein wenig erschwerte – sowohl zeitlich als auch logistisch. Wenigstens war man in der kauenden, schlürfenden und smartphonenden Menschenmenge vor dem Wind ein wenig geschützt. Aus dampfenden Bechern schlürfend schlurften wir dann dahin, wo wir den Alten Strom vermuteten – viel sehen konnte man nicht vor lauter Menschen.  Das Kulturprogramm auf der Bühne vor dem Leuchtturm war beriets in vollem Gange, als wir ankamen – das heißt, es lief gerade Werbung. Ein im Plauderton geführtes Interview mit jemanden von den NNN, der seine Meinung zum Wetter, zu Hansa Rostock und zu ähnlich wichtigen Dingen kundtat, passte gut zu dem mit einem AOK-Logo angestrahlten Leuchtturm, der ja eigentlich die Hauptperson sein, oder besser die Hauptrolle spielen sollte…

„Matrosen in Lederhosen“ spielten dann eine Mischung aus Volksmusik, Shanty und Jodeldidü, also quasi den Holzmichl in der (Ostsee-)Wellenbrecher-Version. Weil aber von so viel Wasser gesungen wurde, bekamen wir Durst. Kurz vor uns musste erstmal der Glühweinbottich aufgefüllt und mit einem Teelicht wieder erwärmt werden… Jedenfalls war viel Geduld gefragt, bis wir dann anstoßen konnten. Nach gefühlten achtundsiebzig Jahren begann dann die Hauptveranstaltung – mit Sprüchen über Abschied, Tod und Trennung, unter anderem aus Wikipedia.  Hätten da nicht positivere und optimistischere Texte von Autoren und Schriftstellern aus unserer Mitte besser gepasst? Dem Anlass angemessen wären motivierende Zeilen  gewesen, die auf das neue Jahr einstimmen. Der ganze Zinnober inklusive Laser Show dauerte keine halbe Stunde.

rostock-315446Dann kam der große Auftritt der Bahn – die setzte doch tatsächlich einstöckige S-Bahneinheiten der neuesten Bauart statt der älteren, größeren Doppelstockzüge ein und bescherte einer Vielzahl der 70 000 Besucher so noch einige unvergessliche Stunden auf dem einzigartigen Warnemünder Bahnhof bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Welch ein feierlicher Ort für einen Jahresanfang – aber die Stimmung war gut, denn jede S-Bahn wurde mit großem Hallo begrüßt. Erst lange nach 20.00 Uhr kam wohl irgend ein helles Schaffnerköpfchen auf die Idee, die viel effektiveren Doppelstockeinheiten der Bahn einzusetzen. Wohlgemerkt: Gegen 18.30 Uhr bereits war die Veranstaltung vorbei – gegen 20.45 Uhr fuhr die erste Doppelstock- S-Bahn.  Als Folge zunehmender Beschwerden gegen die Bahn – darüber berichteten ja diverse Medien –  muss man wohl die derzeitigen erneuten Preiserhöhungen verstehen. Was an diesem Neujahrsabend mal wieder zu beweisen war.

FAZIT: Düstere Sprüche aus dem Internet vorzulesen und lange belanglose Sponsoreninterviews zu führen, das macht noch kein Kulturprogramm und kommt wenig festlich rüber. Die musikalischen Beiträge waren massenkompatibel, teilweise sogar gut, aber rar gesät. Da sprang der Stimmungsfunke nicht über auf das Publikum und das Mitmachen und Mitgrölen fiel schwer. Und warum wurde betont, das ganze sei natürlich kostenlos? Gab es da etwa diesbezüglich Änderungsideen? Wenigstens musste die Feuerwehr nicht eingreifen bei den Flammen am und um den Leuchtturm herum – sonst wäre er am Ende nur noch ein „Feuchtturm“ gewesen…

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